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the man who wasn't there

Wenn ich morgens in der U-Bahn sitze, umzingelt von schwitzenden Männern und Frauen, dann Frage ich mich: 'Bin ich auf dem richtigen Weg? Oder werde ich einfach nur von der derzeitigen Weltenordnung in dieses heillose geordnete System geworfen?', und dann, dann muss ich aufstehen, meinen Sitz einer ältlichen Dame anbieten, die sich anders nicht mehr auf den Beinen halten kann. Sie setzt sich, wirft noch ein müdes Lächeln auf mich bevor ich aussteigen muss und mir meinen Weg durch mein vorbestimmtes Leben bahne. Ach nein, STOP! ich kann individuell sein! -'Ja, natürlich, so individuell wie Millionen andere.' Und dann stehe ich vor der letzten Ampelkreuzung, die mich noch von meinem Ziel trennt und jedes Mal, wirklich jedes Mal stellt sich mir ein hochgewachsener, junger Mann mit stahlblauen Augen, dünnen, sehnigen Armen und einem Lächeln in den Weg, welches so plötzlich vor mir losbricht wie ein Wolkenbruch, obwohl ich es jedes Mal erraten könnte und erwarten könnte. Er reißt mich aus meiner Alltäglichkeit, obwohl schon selbst mit dem Alltag verschmolzen, aber weil es nicht geht, dass ich mit großem Optimismus in den Tag schreite, stoße ich ihn einfach weg und dann drehe ich mich um und er wird zu einem von den andere grauüberzogenen Nebelkrähen und war nie so besonders - wunderbar.

28.10.06 19:42, kommentieren

manchmal

All diese Zwischenfälle, die passiert sind, passieren immer nur mir - mit dir, und all diese Unfälle, die passiert sind passieren immer nur dir - mit mir. Jetzt wirf mich doch endlich in das Zentrum des Super - GAUs. Jetzt saug mich doch endlich auf. Ich werde mitkommen, ganz gewiss, bis ans Ende gehen, mit Sicherheit, auch dort verharren, ich verspreche es dir, gebietest du es nur mir. Aber denke nicht, dass ich nicht einfach gehen kann. Ich lebe nicht in einer Abhängigkeit, ich lebe in meiner Seele. Es gibt keine Seele? Und was ist dann die ausgehauchte Hülle dort hinten am Erdboden? Die habe ich gestern dem Jungen mit dem strohblonden Haar abgenommen. Er wollte sie nicht mehr und ich auch nicht, also habe ich sie in der Luft zerissen und ihn fortgeschickt. Er kommt trotzdem manchmal wieder.

28.10.06 20:03, kommentieren

gestern

Gestern habe ich dich besucht, immer und immer wieder. Ich habe an dein Holztürchen geklopft, es hat geknarrt, aber nicht nachgegeben. Und du hast auch nicht aufgemacht. Darum habe ich mich auf eine Wiese gelegt um auf dich zu warten. Ich habe Blumen für dich gepflückt, obwohl ich nicht weiß, ob du welche magst. Ich habe den Wolken beim Tanzen zu gesehen, obwohl ich weiß, dass sie nicht tanzen können. Ich habe den Vögeln gelauscht, obwohl es ganz still war. Dann bin ich wieder zu dir gegangen, aber du wolltest mir nicht aufmachen. Ich habe einen Schatten hinter dem Fenster gesehen und ein Stück deiner weißen Haut, aber du wolltest mir nicht aufmachen. Darum bin ich auf eine Wiese gegangen und habe mir die Unterarme aufgeschnitten. Alle Gänseblümchen hatten rote Flecken. Wie schön sie waren und wie schön ich mich fand. Darum bin ich schnell wieder zu dir gelaufen, habe mir meiner Knöchelchen an der schweren, harten Holztür wundgeschlagen, aber du hast mir nicht aufgemacht. Da war auch kein Schatten mehr. Da bin ich gegangen, und habe mich zu den Gänseblümchen gelegt.

28.10.06 21:10, kommentieren